Was ist KunstWERT ?

Symposium des Deutschen Kunstrates am 1. November 2007 in Köln

 

Mit der Fragestellung „Was ist KunstWERT“ veranstaltete der Kunstrat am 1. November 2007 seine erste öffentliche Tagung anlässlich der Fachmesse für Museumstechnik EXPONATEC, die parallel zur Kunstmesse COLOGNE FINE in Köln stattfand. Auf zwei Podien - moderiert von Cathrin Lorch (FAZ) und Claudia Dichter (WDR) - warfen Kunstexperten, Marktakteure, Künstler und Museumsleute aus ihren jeweiligen Blickwinkeln Schlaglichter auf die Kategorien und Maßstäbe, die für die Prozesse der Bewertung von Kunst entscheidend sind. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die Veranstaltung.

In ihrer Begrüßung wies die Sprecherin des Kunstrates und Organisatorin der Veranstaltung, Birgit Maria Sturm, darauf hin, dass der Messe-Kontext den optimalen Rahmen für das Symposium abgibt. Und zwar nicht nur wegen der ausgestellten Exponate und weil Kunstmessen den Kunstbetrieb konzentriert darstellen, sondern auch, weil viele Mitgliedsverbände des Kunstrates langjährige Kontakte zur Messegesellschaft in der Domstadt pflegen: als ideelle Träger, als Aussteller oder als Veranstaltungspartner. Ihr großer Dank ging an das Unternehmen, dass die Kunstrat-Tagung in jeder nur erdenklichen Weise unterstützt hat.

Olaf Zimmermann - der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates outete sich gleich zu Beginn als ehemaliger Galerist - berichtete in seiner Eröffnungsrede von dem großen gemeinsamen Nenner, der die Verbände der Künstler, der Vermarkter und der institutionellen Vermittler an einen runden Tisch zwang und schließlich zur Gründung des Kunstrates führte: es war die MehrWERtsteuer, die man sich in ihrer reduzierten Variante erhalten wollte und um die seit Beginn der 80er Jahre in unterschiedlichen Intervallen immer wieder gemeinsam gekämpft werden musste.

Ein paar Schritte von der sehr gut besuchten Veranstaltung entfernt - auf der Kunstmesse Cologne Fine Art - wurde die dem Symposion namensgebende Frage durch viele Abschlüsse von Kunstverkäufen praktisch beantwortet. Durch die Verortung der Podiumsteilnehmer war hingegen schnell klar, dass es auf der Tagung nicht primär um den pekuniären Wert der Kunst oder gar um die Aussagekraft der Höhe von Kunstpreisen gehen würde. Über deren Angemessenheit lässt sich gewiss streiten und die manchmal irrwitzigen Kapriolen geben auch keinen letzten Einblick in das spezifische System von knappem Angebot und teils irrationaler Nachfrage auf dem Kunstmarkt. Vielmehr ging es den Diskutanten um die Kategorien und Maßstäbe, die für die Prozesse der Bewertung von Kunst notwendig sind.

Die Veranstaltung teilte sich in zwei Podien auf, die mit Kunstexperten, Galeristen, Künstlern, Wissenschaftlern und Museumsleuten besetzt waren. Zwischen den beiden Gesprächsrunden beeindruckte Armin Chodzinski mit seiner Performance „Rebellion inkl. 7% MwSt. II: Eine kurze Geschichte über Kunst und Wert“. Der Künstler ergriff mit dem in seiner Rigorosität verstörenden Vortrag die Gelegenheit, als „Künstler selbst etwas zum Thema Kunst“ zu sagen. Dabei flatterten die Manuskriptseiten scheinbar achtlos in Richtung Publikum, dem Gesagten also gleich hinterher, als wenn dieses Gesagte nicht wert wäre, aufgehoben zu werden und von vorne herein dazu bestimmt sei, zwischen den Stuhlreihen liegen zu bleiben. Die Schwierigkeit des Wertschöpfungsprozesses ließe sich z.B. gut daran zeigen, dass sich aus dem Handel mit Baumaterialien, die in einem künstlerischen Akt zu einer Skulptur oder Installation transformiert werden, gut leben ließe, weil die Differenz zwischen dem normalen Mehrwertsteuersatz von 19 % zu dem vergünstigten Steuersatz von 7 % für Kunstwerke in diesem Fall dem Künstler zugute käme. In nüchtern-analytischer Vortragsrethorik und mit professioneller Beamerpräsentation wurde den Besuchern und Referenten ebenso eindringlich wie emotionslos die persönliche Not des Künstlers vor Augen geführt, wenn er sich im Prozess den Wertgenerierung seiner Werke - oder inmitten von deren Scheitern - befindet.

Bemerkenswert war, dass die Podiumsteilnehmer kaum oder nur ansatzweise über den kommerziellen Wert der Kunst diskutiert haben und sich auch nicht in den entsprechenden Ressentiments und Tiraden gegen den Kunstmarkt verloren haben. Gleichwohl lag diese monetäre Ebene in der Luft und so wurde immer wieder einmal Bezug zum Preis der Kunst genommen - der aber den „eigentlichen“ Wert der Kunst dann doch nicht definieren sollte. Vielmehr sind die Mechanismen, die Ansätze und die Akteure, die bei der „Bewertung“ von Kunst eine Rolle spielen, so vielfältig wie die Kunst selbst, wie die lebhaften Diskussionen zeigten.

Bei der von Claudia Dichter charmant moderierten Podiumsrunde kam Bernd Röter vom Bundesverband Kunsthandwerk nicht umhin, eindringlich zu bedauern, dass selbst avancierteste Objekte aus dem Bereich des zeitgenössischen Kunsthandwerks notorisch unterbewertet seien - nicht nur, was ihre Verkaufspreise, sondern vor allem, was ihre Anerkennung in der Kunstwelt betrifft. In den skandinavischen Ländern etwa sähe das ganz anders aus, dort genieße hochwertiges Kunsthandwerk traditionell Kultstatus. Anne-Marie Bonnet vom Verband der Kunsthistoriker stellte in ihrem Statement darauf ab, dass es darum gehen müsse, Kriterien zu entwickeln, warum ein Künstler relevant bzw. irrelevant sei, und dass die Preise, die für dessen Werke - zumal die aufsehenerregenden Spitzenpreise - bezahlt werden, jedenfalls kein solches Kriterium darstellen. Mit dem Preis würden viele Aussagen einhergehen, aber es sei nichts über die Qualität gesagt – die für den Kunsthistoriker allein entscheidend ist. Ein Diskurs über Qualität und Inhalte der Kunst finde aber kaum mehr statt. Selbst in den einschlägigen Medien, so Bonnet, sei die Kunstkritik weitgehend ausgeklammert. Man beschränke sich dort zunehmend auf die Vermittlung von Gesellschaftsnachrichten und auf Portraits glamouröser VIPs aus der Szene.

Für Iris Schäfer vom Verband der Restauratoren gelingt ein Zugang zur Kunst und damit zu ihrem Wert berufsbedingt über die Ästhetik eines Werkes. Diese schwindet, wenn der Zahn der Zeit am materialen Erhaltungszustand nagt. In der Handhabung der Restaurierung - die in den Zeitläufen ganz unterschiedliche Ansätze und Formen des Respekts im Bezug auf das Werkoriginal aufweise - zeige sich, dass der Wertbegriff immer auch ein historischer ist.

Aus dem Blickwinkel von York Langenstein von ICOM-Deutschland bestimmt sich der Kunstwert für Museen nach dem ideellen Wert der Artefakte. Der materielle Wert spiele eigentlich gar keine Rolle. Die Aura, die Geschichte, die Bekanntheit und das allgemeine Interesse bestimmten den musealen Wert von Kunstwerken. Dies zeige auch die Rückgabediskussion über kriegsbedingt abhanden gekommene Objekte, bei der es ausschließlich um die Bedeutung der fraglichen Werke in einem nationalen Kontext gehe. Langenstein wies auch auf den Umstand hin, dass der Handel der Wegbereiter für die Aufnahme von Kunstwerken in museale Sammlungen sei. Dieser würde nämlich die zeitgenössische Entwicklung in der Kunst schneller wahrnehmen und eine Trennung der Spreu vom Weizen vornehmen, was die Museen allein nicht leisten könnten. Langenstein kann sich deswegen auch eine intensivere Zusammenarbeit von Museen und Kunsthandel gut vorstellen und würde eine solche begrüßen.

Der das Internationale Künstlergremium repräsentierende Norbert Rademacher eröffnete die von Cathrin Lorch ebenfalls eloquent geleitete zweite Runde mit dem gar nicht defätistisch gemeinten Hinweis, Kunst sei ja gerade eine Eroberung des Nutzlosen und deswegen sei ihr Wert in den unterschiedlichen Zusammenhängen immer schwer zu bestimmen. Julia Garnatz vom Bundesverband Deutscher Galerien konstatierte, dass in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit der materielle Wert auf der Kriterienskala ganz oben steht - was sie jedoch nicht daran hindere, sich auch für schwer verkäufliche Kunst zu engagieren und ihr Galeriepublikum für diese zu begeistern. Genau dies forderte auch Leonie Baumann, Vertreterin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin, die die Rolle der Kunstvereine als Entdecker hervorhob. Losgelöst von materiellen Aspekten oder der Frage, ob es sich schon um einen arrivierten Star handle, böten Kunstvereine vor allem dem talentierten Nachwuchs bereits im frühen Stadium eine Öffentlichkeit und vermittelten ihren Besuchern innovative, noch nicht „durchrezipierte“ Kunst. Volker Rodekamp vom Deutschen Museumsbund machte deutlich, dass Museen, selbst wenn es ihnen noch so sehr widerstrebe, lernen müssten, den Wert ihrer Bestände einzuschätzen. Dies seien Zwänge, die die neuen Haushaltsregeln in vielen öffentlichen Verwaltungen mit sich brächten. Da könne das der Kunst innewohnende Ideelle, noch so sehr bemüht werden - lediglich einen symbolischen Euro anzugeben, würde von den Mittelgebern heutzutage nunmal nicht mehr akzeptiert.

Gerade das zweite Podium zeigte die Dialektik von materiellem und ideellem Wert der Kunst auf. Harte, jeweils abzuhakende Kriterien wurden auch hier nicht geboten - falls sich solche denn überhaupt finden lassen. Die gesamte Veranstaltung zeigte, dass mit der Frage nach dem Wert der Kunst eine gewisse Sehnsucht einhergeht, einen Diskurs zu führen, der sich auf breiter Front mit der Kunst beschäftigt. Beispielsweise mit der Frage nach den Differenzen und Kriterien von guter Kunst und schlechter Kunst. Das könnte vielleicht das Thema einer nächsten Tagung des Kunstrats sein, der in seiner Gesamtheit einen Pool breiten Wissens um die Kunst, ihre Förderung, Erhaltung und Förderung in allen Facetten repräsentiert.

 

Börries von Notz

Der Beitrag wurde in der Zeitung „Politik und Kultur“
Januar- Februar, Nr. 1/2008, hrsg. Deutscher Kulturrat, veröffentlicht.
Der Autor ist Rechtsanwalt in Berlin

 

Birgit Maria Sturm (BVDG) und Dr. York Langenstein (ICOM) im Pausengespräch. | 2. Podiumsrunde - von l.n.r.: Prof. Norbert Radermacher, Julia Garnatz (Bundesverband Deutscher Galerien), Cathrin Lorch (Moderatorin, F.A.Z.), Leonie Baumann, Dr. Volker Rodekamp
v.l.n.r.: Annemarie Helmer-Heichele, Dr. Ursula Cramer, Hans- Wilhelm Sotrop (Bundesverband Bildender Künstler), Dr. Volker Rodekamp (Deutscher Museumsbund), Ingo Terrumanum (Fachgruppe Kunst ver.di), Birgit Maria Sturm (Bundesverband Deutscher Galerien), Börries v. Notz, Prof. Norbert Radermacher (Internationales Künstlergremium), Leonie Baumann (Kunstkritikerverband AICA) | Vortragsperformance "Rebellion incl. 7% Mehrwertsteuer'" von Dr. Armin Chodzinski

© 2007


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